Start Trier Eine Parodie auf das Spießbürgertum

Eine Parodie auf das Spießbürgertum

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Foto: pixabay.com

Auf 10 000 Einwohner kommen in Rheinland-Pfalz 91 Vereine. Die Themen, denen sie sich verschrieben haben, sind vielfältig und liegen oft jenseits von Blasmusik und Fußball. Auch in Trier gibt es einen ganz besonderen „Verein“.

Trier. Wenn es etwas gibt, dass diesen Männern heilig ist, dann ist das mit Sicherheit der Braten. Ein Spießbraten, genauer gesagt. Einmal im Monat lädt der Spießbratenclub zur Verkostung ein. Jedes der Mitglieder muss den Braten reihum mal zubereiten. Stundenlang wird das Fleisch auf dem Drehspieß gegart, aus dem Fonds eine Soße nach vereinseigenem Rezept zubereitet, als Beilage gibt es nur etwas Brot.

Hier ist alles anders, nämlich noch schlimmer

Dass der Verein ausgerechnet dem Fleischgenuss so huldigt, ist kein Zufall. „Man wollte damit schlicht das Spießbürgertum auf die Schippe nehmen“, erklärt Thomas Stiren. Der 45-Jährige ist seit elf Jahren dabei. Die Assoziation vom Spießbürger zum Spießbraten lag offenbar nahe. Und Spießbürgertum, das hieß für die Gründer im Jahr 1905 vor allem eines: Vereinsmeierei. Kilometerlange Satzungen, Regularien für jede Eventualität – all das störte die Gründungsmitglieder an den Vereinen ihrer Zeit. Im Club sollte deshalb alles anders sein – nämlich noch schlimmer. „Vereinsmeierei schreibt man bei uns groß“, sagt Stiren.

Neue Mitglieder müssen verschiedene Aufnahmeriten über sich ergehen lassen und werden zum Spießbratenritter geschlagen. Langjährige Mitglieder werden mit dem „goldenen Lätzchen“ geehrt. Es gibt allerdings auch nur genau ein ordentliches Mitglied, die anderen 26 Männer sitzen im Vorstand des Vereins. Wer nörgelt, bekommt sofort ein Amt verpasst – kreativer Titel inklusive: „Einer von uns kritisiert gerne die Soße, der ist jetzt ganz offiziell der Soßen-Nörgler“, erzählt Stiren. Es gibt eine Hymne und einen Vereinsgruß: „Spieß Heil“. Stiren gibt zu: „Auf Außenstehende kann das sicher befremdlich wirken.“

Doch der Verein hat kein politisches, sondern ein humoristisches Ziel: Er will eine Karikatur auf die Vereinsmeierei sein. Überzeichnung als Protest gegen überzogene Regularien. Er ist ein bisschen anders, der Club. Und genau das macht für Stiren seinen Reiz aus: „Anders sein finde ich total klasse.“ Für ihn war das ein guter Grund, die Berufung in den Club anzunehmen. Denn beitreten kann nur, wer darum gebeten wird. Und wer einmal drin ist, der bleibt es in der Regel auch. „Wir haben wenig Fluktuation“, sagt Stiren. Die Meisten sind Mitglieder auf Lebenszeit.

Und ausnahmslos alle sind Männer. Die Gründer hatten beschlossen, dass Frauen keinen Zutritt zum Verein haben sollen. „Man war davon überzeugt, dass Frauen die Eintracht der Männer stören würden“, sagt Stiren. Sogar in der Hymne widmete man dem Thema eine Strophe: „Frauen lassen wir zu Haus, die Erfahrung lehrt: Die Gemütlichkeit ist aus, wenn die Frau uns stört.“ Nur alle fünf Jahre, zum Geburtstag des Clubs, sind die Frauen der Mitglieder ebenfalls eingeladen. An dieser Regel halten sie bis heute fest. Beschwerden habe es keine gegeben, sagt Stiren, keine Frau habe bislang Mitglied werden wollen. „Die Frage hat sich einfach nicht gestellt.“

Etwas moderner ist dagegen die Zubereitung des Spießbratens geworden. Mussten die Clubmitglieder früher noch stundenlang von Hand den Braten auf dem Spieß drehen, erledigt das heute ein Elektromotor. Falls er denn funktioniert: „Bei einem Ausflug in die Weinberge ist uns der Motor mal ausgefallen und wir mussten doch wieder von Hand drehen.“ erzählt Stiren. Tatsächlich habe der Braten so aber etwas besser geschmeckt. „Jedenfalls haben wir uns das auf diese Weise schön geredet.“

Lisa Bergmann

 

Extra Der Club

Der Club ging aus dem sogenannten Ritterbund hervor, einer Vereinigung von zehn Trie rern. Im Mai 1905 gründeten sie die Gruppe. Seit damals treffen sich die Mitglieder einmal im Monat, um gemeinsam Spießbraten zu essen. Der Club besteht aktuell aus 27 Männern, wovon 26 den Vorstand bilden und nur einer tatsächlich ordentliches Mitglied ist. Ein eingetragener Verein ist der Club übrigens bis heute nicht. Ein weiterer stiller Protest gegen Vereinsmeierei und Bürokratie.  lbe