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„Die Gruppe ist mein sicherer Hafen“

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Trier. Jessie Wengerts Biografie ist geprägt von Ereignissen, die Kinder aus der Bahn werfen können: Drei Jahre alt ist er, als sich die Eltern trennen, mit fünf landet er im Kinderheim. Sechs Jahre später kehrt er zurück zum Vater, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt.

Mit 14 raucht Jessie Wengert zum ersten Mal Haschisch. Es bleibt nicht bei einem Mal. Der Teenager wird süchtig nach Drogen. „Immer dann, wenn etwas in meinem Leben passierte, wurde es extrem“, sagt er. Etwa als der Vater starb, als die Freundin Schluss machte. Viele Sozialarbeiter und Psychologen kreuzen sein Leben: in einer Schule für verhaltensauffällige Kinder, während einer Resozialisierungsmaßnahme, in Beratungsstellen, in der Suchtklinik. „Sie haben mir das gegeben“, sagt der heute 32-Jährige, „was die Familie nicht geben konnte.“

Wengert entscheidet sich, aus dem Teufelskreis der Sucht auszusteigen. Seit vier Jahren hilft ihm auch der Besuch der Selbsthilfegruppe für junge Suchtkranke- und -gefährdete vom Kreuzbund in Trier, die Null-Drogen- und Alkohollinie einzuhalten, wie er sagt. „Die Gruppe ist mein sicherer Hafen. Eine Familie neben der Familie.“ Mittlerweile ist er Ansprechpartner der Gruppe und hilft anderen in seiner Freizeit, das Leben ohne Drogen gemeinsam zu meistern.

Für viele Krankheiten und Lebenskrisen finden sich Selbsthilfegruppen zusammen. In Deutschland gibt es schätzungsweise 100 000 mit 3,5 Millionen ehrenamtlich aktiven Mitgliedern. Sie treffen sich monatlich bis wöchentlich, um Erfahrungen auszutau schen, über das zu sprechen, was sie gerade bewegt. Sie informieren sich oder andere, laden Experten ein oder plaudern. Jessie Wengerts Gruppe trifft sich jeden Donnerstag in der Schönbornstraße in Trier. „Alles was wir besprechen, bleibt unter uns“, betont er. Ein Merkmal von Selbsthilfegruppen.

„Ziel ist immer, dass die Menschen mehr über ihre Erkrankung erfahren, und besser mit der Situation umgehen können“, sagt Carsten Müller-Meine. Er ist Geschäftsführer des Vereins Sekis Trier. Die fünf Buchstaben stehen für Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle. „Bei uns finden Menschen, die eine Selbsthilfegruppe in der Region Trier suchen oder eine gründen wollen, Hilfe.“

Experten bezeichneten Selbsthilfegruppen heute als vierte Säule des Gesundheitswesens. Denn sie ergänzten ärztliche und therapeutische Behandlungen. Und zahlreiche Fachleute aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich unterstützten Selbsthilfegruppen.

Neben den klassischen Aufgaben einer Kontaktstelle bietet die Sekis auch Seminare an. Darin lernen Mitglieder von Selbsthilfegruppen etwa, Gruppen besser zu moderieren, damit alle zu Wort kommen oder keine unerwünschten Ratschläge erteilt werden. Die Sekis organisiert Vorträge oder initiiert Projekte wie aktuell die Initiative „Selbst-Bewusst-Sein“. „Sie richtet sich an stark übergewichtige Menschen“, erklärt Müller-Meine. Ziel auch hier: Dass die Teilnehmenden ihre Situation besser meistern können und das psychische Wohlbefinden gesteigert wird. Katja Bernardy

 

Die Sekis ist zuständig für die Stadt Trier und sieben Landkreise: Bernkastel-Wittlich, Birkenfeld, Eifelkreis Bitburg-Prüm, Cochem-Zell, Kusel, Trier-Saarburg und Vulkaneifel. Im Bereich der Sekis Trier gibt es fast 450 Selbsthilfegruppen zu mehr als 140 Themen – von Angststörungen über Parkinson bis Zöliakie. Und eine davon ist Jessie Wengerts Gruppe vom jungen Kreuzbund.

In Rheinland-Pfalz gibt es vier Selbsthilfekontaktstellen: In Trier, Mainz, Westerburg (Westerwald) und in Edesheim (Pfalz). Sie haben sich zur Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfeunterstützung in Rheinland-Pfalz zusammengeschlossen – kurz LAG Kiss RLP. Sprecher der LAG ist Carsten Müller-Meine.

Finanziert wird die Arbeit der Kontaktstellen durch das Land Rheinland-Pfalz, die gesetzlichen Krankenversicherungen, Kommunen und Spenden.

Die Sekis Trier ist erreichbar unter Telefon 0651/141180 und per E-Mail an kontakt@sekis-trier.de. Weitere Informationen auf www.sekis-trier.de oder www.selbsthilfe-rlp.de