Was, wenn die Kirche im Sterben liegt?

Was, wenn die Kirche im Sterben liegt?

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Roland Morgen

Da steht sie. An einer Straßenecke. Nikolausstraße/Friedrich-Wilhelm-Straße. Gut hundert Jahre alt. Zwei Weltkriege hat sie überstanden. Etliche Generationen hat sie kommen und gehen sehen. Sie war einmal Mittelpunkt im quirligen Stadtteilleben im Trierer Süden. Das ist vorbei. Trotzdem steht sie immer noch da. Würdig und aufrecht. Passanten im Auto, auf dem Fahrrad oder zu Fuß nehmen kaum Notiz. Zweimal am Tag macht sie sich bemerkbar – morgens um acht und abends um halb acht, zu „zivilen“ Zeiten. Die meisten drum herum überhören das Geräusch. Im günstigsten Fall leben sie friedlich nebeneinander.

Ralf Schmitz, Dechant (Leiter) des Dekanates Trier, Pfarrverwalter der Pfarrei St. Matthias und Pfarrer der Katholischen Gehörlosengemeinde im Bistum Trier. Foto: Bistum Trier

Sie ist nur selten geöffnet, immer samstags ab viertel nach vier. Ab und zu fragen Touristen, wie sie denn von innen aussieht. Wenn der Zutritt gelingt, sind sie meistens begeistert – von dem hellen, weiten, freundlichen Raum, von den Blumen und Pflanzen, die die Wände und die Decke zieren. Schade, dass die Herz-Jesu-Kirche meistens verschlossen ist, dass hier nicht mehr viel passiert, mehr Leben ist. Wirklich traurig!

Warum ist das so? Schuldige sind schnell gefunden: Die Seelsorger haben sich nach St. Matthias zurückgezogen, Personal und Geld wird nur noch in die Zentren investiert. Die Kirche hat Angst vor den Menschen, kann sie nicht mehr begeistern. Die Leute haben zwar viel mehr Freizeit als früher, sind aber trotzdem viel mehr beschäftigt. Die Kirche, vor allem die katholische, passt nicht mehr so recht in unsere Zeit, ist von gestern. Der Glaube müsste sich mehr anpassen an unsere Kultur. Wenn sich das alles ändern würde, dann … Ja, was dann? Wird dann die Kirche wieder voll? Bekehren sich dann alle Menschen zum Evangelium? Wachsen dann Gerechtigkeit und Frieden auf der Erde? Schön wär’s, wirklich!

Die Form von Kirche und kirchlichem Leben, die wir gekannt haben und die es – hier und da – auch noch gibt, geht zu Ende. Sie steht noch da, an den Straßenecken, ist oft schön anzusehen, liebevoll restauriert. Ein Wahrzeichen. Sie macht sich auch noch bemerkbar, nicht nur durch das Läuten. Sie hat gelegentlich auch noch geöffnet. Und sie beherbergt immer noch große Schätze, für die sich aber immer weniger Menschen interessieren.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Die bekannte Kirchlichkeit liegt im Sterben. Und das löst Trauer aus – bei den Angehörigen, den Freundinnen und Freunden. Trauer ist unausweichlich. Sie ist – positiv gesprochen – die Kunst, sich an die Wirklichkeit anzupassen, so wie sie ist. Das ist für die Betroffenen meistens schmerzlich.

Tod und Trauer hat die uns bekannte Kirchlichkeit mit dem Gründer Jesus von Nazareth gemein. Sie ist sterblich – wie alles Menschliche. Und sie stirbt tatsächlich – sogar in aller Öffentlichkeit. Das führt zu Schmerz und Trauer in ihrem Freundeskreis, so wie damals bei Jesus. Trauern ist die Anpassung an die Wirklichkeit, so wie sie ist.

In die Geschichte von seinem Tod mischten sich für einige Freundinnen und Freunde Jesu ganz persönliche, neue Erfahrungen. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht da, wo Jesus gestorben ist, sondern irgendwo im Alltag. Am Grab, beim Essen, unterwegs, auf der Arbeit. Momente, die für die Betroffenen alles veränderten. Sie ließen die ganze schichte in einem neuen Licht erscheinen. Ihre Trauer wurde durch Lebenszeichen gestört. Ostergeschichten entstanden. Nichts wurde wieder, wie es vorher war. Alles wurde anders, unvorhersehbar.

Die persönlichen Berichte von Menschen, die dem Auferstandenen begegnet sind, haben eine Bewegung in Gang gebracht, die es bis heute gibt. Formen gehen zu Ende, sterben. Nichts wird wieder, wie es war. Alles bleibt anders, unvorhersehbar. Das letzte Buch der Bibel malt ein Bild von der Stadt Jerusalem, in der es „himmlisch“ zugeht: Am Ende wird alles gut!

Zurück zur Herz-Jesu-Kirche an der Ecke Nikolausstraße/Friedrich-Wilhelm-Straße. Ob das Leben in ihr völlig stirbt? Ob sie zu einem Grabmal wird? Möglicherweise ja. Möglicherweise nein. Man kann dort neue Erfahrungen machen, noch bis zum 14. Juni. „.sredna – anders. sehen, hören, schmecken“, heißt das Kirchenprojekt. Informationen gibt es auf www.st-matthias-trier.de

Ich bin gespannt, was passiert in dieser Zeit, mit den Menschen, die sich auf neue Erfahrungen einlassen, ob sie – vielleicht – dem Auferstandenen begegnen. Und ob diese Erfahrung eine Bedeutung für ihr Leben bekommt.

Allen Leserinnen und Lesern von „Die Woch“ Frohe Ostern – und herzlich willkommen in Herz Jesu – bei „.sredna – anders sehen, hören, schmecken“.

Ralf Schmitz, 

Dechant des Dekanats Trier